„Ihre Geduld wird auf die Probe gestellt, aber Sie erreichen Ihr Ziel.“ – (weiser chinesischer Spruch aus einem Glückskeks, erhalten nach einem fulminanten Sushi-Mal (japanisch) beim Vietnamesen)
Während ich hier im Bus sitze und meinem leider
einfältigen mitreisenden Nachbarduo, dem ich aufgrund des
Platzmangels, der Enge im öffentlichen Nahverkehr und der scheinbar
gleichen Route nicht entfliehen kann, bei seinen ins Fantastische
abdriftenden Rechenübungen lauschen darf, über die sie sich selbst
bestens amüsieren, da sie auf immer neue Ergebnisse kommen,
schweifen meine Gedanken kurz ab und denken: Geduld. Geduld.
Ich übe mich seit einiger Zeit in Geduld. Eine
höchst qualvolle Übung. Da mache ich eigentlich lieber Planks,
Squads, Liegestütz – wofür mir nicht der bestimmt heutzutage
völlig üblich genutzte englische Begriff, den man nicht braucht, da
es ja einen deutschen dafür gibt, man ihn dennoch benutzt, weil es
sportlicher oder vitaler, vielleicht moderner, aber bestimmt nicht
weltgewandter wirkt, einfällt – seitliche Planks, Russian Twist,
und was weiß ich wodurch ich mich sonst quäle, um mich der
Einbildung hinzugeben, dass es mir, meinem Körper und meiner
Gesundheit gut tut. Und selbst das tue ich nicht gerne. Nein
Geduldüben verbraucht bestimmt am meisten Kalorien von all diesen
Übungen. Jedenfalls in meinem Fall. Und diese Übung habe ich heute
zur Genüge durchgeführt.
Geduld. duden.de sagt zu Geduld, es sei die „Ausdauer
im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten von
etwas“. Oh, wieviel Geduld ich aufbringen hätte müssen. Ich habe
es versucht. Nur der Teil mit dem nachsichtigen, dem beherrschten und
dem ruhigen ausdauernden Ertragen oder Abwarten von etwas in der
Übung der Geduld will und will mir nicht gelingen. Dennoch mache ich
immer mehr Fortschritte.
Besonders schwer fällt mir Geduld, wenn ich sie
überraschend aufbringen muss. Unvorbereitet. Aus er Kalten. Und so
ist es mir heute ergangen. Ich duldete die lange Anfahrt mittels der
öffentlichen Verkehrsmittel. Einfahrt zu einem Routinetermin im
Krankenhaus, bei dem meine offene Brusthöhle inspiziert werden
sollte. Rohes Fleisch zur Schau gestellt für jeden, der es will.
Eine meiner „beliebtesten“ Übungen in den
letzten Wochen und Monaten war, in der Unterhaltung über mein
Wohlbefinden plötzlich mit der Frage „Ich hab Fotos davon, willst
Du mal sehen?“ hervorzuschießen. Es ist erstaunlich, wie viele
tapfer zustimmten, Ablichtungen der Einsichten in meine Brusthöhle
zu betrachten. Ich habe das aber nicht als Sozialstudie oder als
Mutprobe für mein Gegenüber gemacht. Mir war einfach daran gelegen,
eine potentielle Neugier, die womöglich während der Unterhaltung
darüber gewachsen ist, wie so eine offene Brusthöhle wohl aussieht,
was man sich darunter optisch vorstellen muss, zu befriedigen.
Diejenigen, die nicht wollten, ließ ich natürlich sofort zufrieden.
Ehrensache.
Weil ich mich unter anderem durch meine Sportübungen
in körperlicher Bestvorbereitung für diesen Termin wähnte, war ich
umso überraschter, dass ich plötzlich vom von mir sehr hoch
geschätzten Chefarzt dazu angespornt wurde, mich für eine Operation
am kommenden Montag bereit zu erklären. Es würde der ganzen
Wundheilung und dem Fortschritt des Schließungsprozesses der Höhle
deutlich guttun. Ich habe selbstverständlich zugesagt. Die Operation
und der Krankenhausaufenthalt in der nächsten Woche wären und waren
nicht der Rede wert, auch wenn ich mir schöneres von dem heutigen
Termin erhoffte als die Aussicht auf und den Entschluss zu einer
weiteren Operation. Was allerdings den Auftakt dieser Angelegenheit
deutlich Würze verlieh, war ein kleiner Satz, der zu mir
herüberflog, begleitet von einem närrischen Augenzwinkern, des bei
uns stehenden Oberarztes. „Haben Sie jetzt ein klein bisschen
Zeit?“ fragte er mich. Arzthöhrig wie ich bin, eiferte ich: „Ja
klar“. Dies was fatal, denn hier begann eine lange qualvolle Übung
in Geduld. Geduld.
„Ein klein bisschen Zeit“. Bei der
Abbildung von Zeit in Sprache gibt es unzählig viele Dimensionen.
Ohne Beispiele nennen zu wollen, komme ich nicht umher in diesem
Zusammenhang Spanier oder Südamerikaner zu nennen, die mich haben
viel Geduld üben lassen, indem ich auf sie warten durfte.
Zeitangaben sind in diesen Kulturen offenbar nur etwaige Richtlinien.
Allerdings nicht für einen Zeitpunkt oder eine Zeitspanne, sondern
für das Festmachen der Tatsache einer Begegnung oder eines
historischen Punktes. Man gibt einen Zeitpunkt für ein Treffen an.
Dieser Punkt gilt aber noch nicht einmal als etwaige zeitliche
Richtlinie. Nein, er dient nur dem Unterstreichen der
Willensbekundung, dass man sich treffen will, denn das Aufkreuzen zum
angegebenen Zeitpunkt vollführt nur der Deutsche. Es kann allerdings
sein, dass es sich hierbei nur darum handelt, den Deutschen
vorzuführen, was mir gerade, während ich diese Worte
niederschreibe, auffällt und auch wirklich nicht unwahrscheinlich
ist, wobei ich sogar glaube, dass es sich dabei nicht um
Gehässigkeiten handelt, sondern eher um ein liebevolles Abklopfen
von Stereotypen, die der eigenen Unterhaltung beim Ankommen am
Treffpunkt dient „haha haha, der Deutsche war wieder mal
pünktlich“. Ich reiste auch einmal mit einer Französin und drei
Polen durch Frankreich. Eher durch den Norden Frankreichs. Aber die
Französin wollte unbedingt einen Abstecher nach Paris machen, wo sie
„eine Kleinigkeit“ zu erledigen hätte. Es dauere alles zusammen
nur „cinq minutes, environ“, also fünf Minütchen, ungefähr.
Die Polen, die der Pünktlichkeit und dem Einhalten zeitlicher
Angaben und Versprechen ebenso wenig abgeneigt waren wie ich, sollten
mit mir zusammen, angekommen am besagten Einsatzort der Kleinigkeit,
am Auto warten. Warten. Das Nachschlagen des Wortes Warten im Duden
erspare ich mir hier, denn Warten hat sehr viel mit Geduld zu tun,
weswegen ich es vorziehe, beide Begriffe unter den Begriff Geduld
zusammenzuziehen. Ich will hier auch nicht allzu tief in diese
Geschichte eintauchen, denn sie kann quälender Bestandteil eines
eigenen kleinen Büchleins sein, das ich auch schon eine Weile im
Sinn habe. Deswegen kürze ich ab. Wir sahen sie nur kurz auf dem Weg
vom Auto ins Gebäude. Dann eine gefühlte Ewigkeit – besonders das
Warten am Auto, und das kann mir bestimmt jeder Leser bestätigen,
ist ausgesprochen, herausragend, explizit quälend – nicht mehr,
bis sie mit wehenden Händen und den flotten Worten „cing minutes,
environ“ an uns vorbeirauschte und in ein anderes Gebäude huschte,
in dem sie sich wieder lange Zeit vor dem Feind versteckte, denn so
kamen wir uns vor. Wie Feinde, vor denen man im Schützengraben in
Deckung gehen muss, um ja nicht gesehen und dann womöglich gefangen
genommen werden kann. Warum sollte sie sich sonst so lange unserer
Gegenwart entziehen? Diese Übung vollbrachte sie noch ein paarmal
bis mehrere Stunden vorüber waren und unser Reiseplan neu berechnet
werden musste. Auch andere Episoden meines Aufenthalts in Frankreich
sprechen diese Sprache, sodass ich zum Schluss kommen musste, dass es
also auch die Franzosen sind, die Zeit mit Leichtigkeit auf ihren
Herzen tragen und sich nicht in quälende Bande begeben, jedenfalls
solange andere warten dürfen. Den drei Polen und mir sollte dieses
Ereignis jedenfalls eine Lehre gewesen sein und so nahmen wir uns auf
der weiteren Reise in Acht vor etwaigen Angaben und Versprechen und
bewiesen uns als immer geschickter werdende Vereitler solcher
zeitlicher Verzögerungsversuche.
Nun spielt sich aber die Geschichte, die ich hier
erzähle, ja unter Deutschen in Deutschland ab, das Land der
Pünktlichkeit. Das Land der immer Korrekten. „Deutschland“ und
„exakt“ sind im Ausland Synonyme. Aber im Arzt-Zeit-Kontinuum
herrschen solche Kriterien wie Pünktlichkeit nicht, denn hier geht
es um die Sache. Hier geht es um Leben und Tod. Gerade bei dem hier
erwähnten Krankenhausbesuch wurde ich vom Anästhesisten auf meine
Frage hin, ob ich denn bei dieser Operation sterben könnte, was
lediglich eine Scherzbemerkung war, in wüstentrockener Präzision
und Ausführlichkeit darüber aufgeklärt, dass grundsätzlich jeder
ärztliche Eingriff tödlich verlaufen kann. Ich bereute diesen
kleinen Zwischenruf, denn der Arzt hatte bereits sehr viel meiner
Geduld in Anspruch genommen. Und so wird im ärztlichen Bereich
schnell aus „wenn Sie eine Stunde Zeit haben, können wir das jetzt
gleich machen“ ein Gesamtaufenthalt von zweieinhalb Stunden, oder
aus „ein klein bisschen Zeit“ ein Aufenthalt von fünf Stunden,
die ich mich von Station zu Station, vor Arzt zu Arzt, von Pfleger zu
Bürofachangestellter gedulden musste. Eine Tortour. Mein Hirn
brannte. Mein Hirn brennt. Immer noch. Denn die Überraschung hatte
mich hart im Griff. All diese Stationen meines Aufenthalts bedeuteten
Warten – Geduld. Und davon habe ich doch so wenig. Ich muss damit
haushalten. Für mich, für meine Lieben, für meinen Hund, für
Begegnungen im öffentlichen Raum.
Und da sind wir auch schon bei des Pudels Kern. Denn
nach dieser Odyssee von insgesamt sechs Stunden, einer Anreise von
einer Stunde und dem erstmaligen Warten von einer halben Stunde,
stand nun die Rückfahrt an. Und damit erneutes Warten, Gedulden. Und
das, wo ich doch schon lange aus der Übung war, was das Fahren mit
dem öffentlichen Personennahverkehr angeht. Homeoffice,
Corona-Lockdown, Aussätzigkeit usw. haben mich verweichlicht. Und
nun bin ich hier. Allem wieder ausgesetzt. Nahezu ohne Schutzschild.
Und werde weiter auf die Probe gestellt. Der Bus kam pünktlich, was
auch wenn es nicht so wirkt, doch erwähnenswert ist. Busse scheinen
also das deutsche Zeitversprechen einzuhalten. Nach nur wenigen
Stationen hatte sich der Bus allerdings schon durch den Berufsverkehr
so angefüllt, dass ich meinen Rucksack auf den Schoß nehmen, meine
Schultern, um meine Nachbarin nicht ans Fenster zu quetschen,
hochziehen und dem überaus lauten Gespräch eines Pärchens, das
neben mir über den Gang saß, lauschen musste. Bereits als sie
einstiegen, befanden sich die beiden schon in dieser hitzigen
Unterhaltung und ich hoffte, sie würden sich nicht neben mich
setzen, was sie dann leider nicht berücksichtigten. Ich bin kein
Menschenfeind. Zu meiner Verteidigung muss ich einbringen dürfen,
dass sich starke Kopfschmerzen androhten, da das stundenlange
Geduldüben und die Stationstortour im Krankenhaus meine Nerven stark
strapazierten und mich vergessen ließen, etwas zu trinken. Ich
konnte es aber nicht mehr ändern. Die beiden wählten die Plätze
neben mir aus, was gewiss keiner Arglist, sondern dem enormen
Platzmangel im Bus entsprang. Anfänglich versuchte ich dem Gespräch
keine Aufmerksamkeit zu schenken, aber schon nach kurzen fing ich
Diskussionsfetzen auf, die keinen Reim ergaben, was mich leider
veranlasste, den beiden Trompetenstimmen etwas genauer zuzuhören.
Die folgende Konversation ist bis auf wenige
Ausnahmen von Sprachlichen Fehlerhaftigkeiten, der Lesbarkeit zuliebe
weitestgehend bereinigt. Nur Weniges erhielt ich, damit sich das Bild
entsprechend zeichnen lässt. Der Versuch der Abbildung des
halleschen Dialektes, beziehungsweise dessen Unterart, derer diese
beiden sich bedienten, im Geschriebenen, mag dem einen oder anderen
vom Fach ungeeignet erscheinen, dient aber ausdrücklich der
originalnahen Wiedergabe dieses Gesprächs und zeugt von meiner Liebe
zum Halleschen. Ich selbst habe mir den Dialog mehrmals laut
vorgelesen und kann bezeugen, dass es recht nah rankommt:
„Du mussd meor dringn, habch dor jesachd.“
„Abor ich dringe doch.“
„Ja, abor nich jenuch.“
„Na, du hast jesacht, ich soll viel dringn.“
„Richtch.“
„Und das du ich nu.“
„Ja abor has‘ du denn noch zwei für mich?“
„Ich hab vieor.“
„Wie ganns‘ du dennnoch vieor haam?“
„Na ich hab‘ ’n Sigsbäck jekoofd.“
„Na dann ganns‘ du doch nuor noch zweie
haam.“
„Nee ich habe vieor.“
„Die hadd zuviel Zucker. Das is schlechd. Das
is schlachd füor dich.“
„Überhaupd, warum willsd du zweie, wenn du
vieor haam willsd?“
„Ich will vieor!“
„Abor gerade hassde doch noch zweie haam
wolln!“
„Ich will vieor! Hassd du dennnoch vieor?“
„Ja.“
„Abor du hassd doch gerade noch jesaacht,
dass du viere jedrungn hasd.“
„Hab ich ooch.“
„Abor dann gannsd Du doch keene viere meor
haam!“
„Hab ich abor. Ich habe a Sigsbäck jekooft
und habe vieor jedrungn.“
„Da hasde aber nur noch zweie.“
„Der Zuckor is füor dich jenauso schlecht
wie füor mich.“
„Ja, richtch. Abor du tringsd zuviel.“
„Aber jerade hasd du doch noch jesachd, das
ich nich jenuch dringe.“
„Du dringst zu viel vom Zuckor. Hasde nu noch
vieor?“
„Ja.“
„Das jehd doch jarnich.“
„Doch!“
Hier begann mein Geduldfaden schon erst Risse zu
zeigen. Die beiden drehten sich offensichtlich im Kreis und wollten
das unbedingt auf dem Rücken der Mitreisenden austragen. Wer gewinnt
den Nerventanz? Wer gibt als erstes auf und bricht zusammen. Einer
der beiden oder einer aus dem Publikum?
„Abor dann has‘ du nich jenuch jedrungn.“
„Doch. Vieor.“
„Sach, wees‘ du überhaupt welches dadum wior
denn heude haam?“
„Na, den zwölfden Märds.“
„Mensch, heude is der sechsundzwndichsde
Januar. Wieso weesde dennnich welcher Dach heude is.“
„Heude is Middwoch, siehsde?“
„Richtich.“
„Siehsde?“
„Nee Mann, heude is nich Middwoch, heude is
Freidag. Du bringsd mich ja jandz durcheinandor.“
„Deswejen hadd meine Chefin mich heude ooch
beiseide genommen und zusammengeschissn! …“
Nun wurde es mir zu bunt. Erste Fäden brannten mir
schon durch. Ich musste wissen, womit ich es zu tun habe. Ich wollte
aber keinesfalls, dass die beiden mitbekamen, dass ich mich nach
ihnen umdrehen würde. Also bemühte ich die List, des
unverfänglichen aus dem Fensterschauens und Erblickens einer
Besonderheit, die es mir erlaubt, meinen nach vorne gerichteten Blick
mit deren Vorbeiziehen langsam um neunzig Grad nach links zu wenden,
um damit dann einen Blick auf das Pärchen zu gewinnen. Ich erspähte
also einen Anschein von Nichts durchs Fenster und folgte dem stoisch
mit meinem Kopf, bis ich die beiden neben mir im Blick hatte. Ich
stellte meinen Fokus von fern auf nah und war erstaunt, denn die
vermeintliche Frau war ein Mann und der vermeintliche Mann war eine
Frau. Die Stimmen passten quasi invers zu den Personen. Beide waren
hochgradig beleibt und vereinnahmten achtzig Prozent des Raumes, den
das Viererabteil bot. Die anderen beiden Reisen verschwanden nahezu
unter deren Erscheinungen. Es handelte sich offensichtlich um Vater
un Tochter. Der Vater schien sich um seine Tochter zu sorgen, dass
sie wohl nicht genug trinke. Wie lieb. Ich war wirklich gerührt,
denn vom Belauschen des Gespräches her konnte ich nicht darauf
schlussfolgern, auch wenn der Wortlaut darauf hinwies. Der Ton war
ein anderer. Wie man sich manchmal täuschen kann.
„… Der zeig ichs. Das lass ich mir nich
biedn. Das saach ich dir. Die griegd noch was zu hörn von mir.
Schade, dass mir da nich gleich was einjefalln iss. Aber nächsdes
mal.“
„Na das will ich sehn. Du machsd ma lieber
nüschd, sonsd gannsde dior gleich was andres suchn.“
„Nee, die brauch mich. Hm. Eijendlich nich.“
„Ich weiß ja nich. Lieber ruhig bleim. Aber
ich hab dior doch jesacht, dass ich vieor haben will. Wieso hasde
denn nur noch zwei?“
„Ich habe dior doch jesaachd, ich habe noch
vieor…“
Hier traf mich ein kleiner Gedankenblitz. Warum hat
er sie denn gefragt, welches Datum wir denn heute hätten. Diesen
Gedanken lies ich allerdings genauso schnell los, wie die beiden es
getan hatten. Die nervenzerreißende Konversation befand sich ja in
windeseiligem Vorwärtsschritt und ich wollte keinesfalls den Faden
verlieren.
„… Ich hab doch vieor.“
„Neeeeeeiiiiiiin.“
Vater schien die Geduld zu verlieren. Lachte aber
dabei herzlich. Ich verstand die Welt nicht mehr.
„Ich hab a Sigsbäck jekooft und habe vier
jedrungn. Also sind noch vieor übrig.“
„Neeeeeeeiiiiin.“
„Doooooohoooooch.“
„Innem Sigsbäck sindoch sechse dinne. Un‘
wenn du viere jedrungn hasd, dann sind da nur noch zweie dinne.“
Daraufhin schweifte der Blick der Tochter ab, um den philosophischen
Gedanken, die beim Versuch der These des Vaters eine rechnerische
Chance zu geben, in ihrem Kopf Saltos auf einem Drahtseil
vollführten, mit der hinter Congnacschwenkern versteckten Optik zu
folgen.
Mittlerweile hörte der ganze Bus zu. Es war
spannend, wie die beiden diese Krux aufzulösen versuchten. Ich
rechnete schnell noch an einer Hand nach, was es bedeutet ein Sixpack
zu kaufen, davon vier zu trinken, um dann noch vier zu haben. Ich war
nie gut in Mathe. Und auch jetzt kam ich nicht drauf. Also schnell
weiter hinhören. Meine Geduld war beinahe am Ende. Aber ich kann die
beiden nicht aus dem Fenster werfen, ohne vorher zu erfahren, was das
Geheimnis ist.
„Du weesd doch, ich wollde auch vieor haam.“
„Hab ich doch.“
„Aber als ich jesachd habe, du sollsd meor
dringn, hieß das doch nich Fanda. Wessde wieviel Zuckor dadrinne
ist? …“
„Aber ich dringe ja nur zweie am Daach.“
„… Da mussd du bald mit Insulinspritzen
anfangen, und was weeß ich noch.“
„Nee das brauch ich nicht.“ lachte sie aus
ganzem Herzen und laut in den Bus hinein.
„Hasde dennnoch zweie füor mich?“
„Ich denge da is zuviel Zuckor drinne! …“
lachte sie nochmals aus ganzem Herzen. Ihr Vater wirkte ein wenig
verzweifelt. Ob es allerdings an der Tatsache lag, dass sie nicht
verstand, dass das Ganze sehr gesundheitsschädlich ist oder ob es
eher dem geschuldet war, dass er nicht genügend abbekommen würde,
war nicht klar zu erkennen.
„… Ich hab noch vieor.“
Offensichtlich war die Tochter mit einer
Matheschwäche gestraft, die sich gewaschen hatte. Ich begann das
Gespräch langsam nicht mehr amüsant zu finden, da ich es meiner
Geduld zuliebe gern gesehen hätte, dass es von der Stelle kam, als
es doch nochmal eine neue Wendung nahm.
„Aber hasde nich jesaachd, das wäre Zidrone?
Fanda is doch Orange. Zidrone ist Schbreid.“
„Wirklich? Ich dachde, ich hadde Fanda
Zidrone.“
„Nee, Fanda is Orange und Schbreid is
Zidrone.“
„Wirklich? Ich dachde, ich hadde Fanda
Zidrone.“
„Nee, is Orange. Gannsde mior gloom.“
„Wirklich? Ich dachte, ich hatte Fanda
Zidrone.“
AAAAAAH … Nun wurde es mir zu viel. Meine Geduld
war am Ende und ich war auch nicht sicher, ob es denn nicht von Fanta
auch eine Zitrone gebe, die dann eben einfach nicht so orange
gefärbt, sondern eher gelb gefärbt ist … STOPP! Ich implodierte
nun, ertappt beim selber Mitraten bei einem Thema, was mich nicht im
entferntesten interessierte. Was eine solche Situation aus einem
macht. Zwanzig Minuten durfte ich dieser eloquenten Konversation
lauschen. Zwanzig Minuten Geduldüben. Zwanzig Minuten, die härter
waren als die Stunden zuvor im Krankenhaus.
Als wir endlich am Umsteigepunkt angekommen waren,
fühlte ich wie in mir reines, pures, kindliches Glück aufstieg. Ich
würde erlöst werden. Auf der restlichen Fahrt würde ich einen
anderen Platz suchen. Die Straßenbahn würde mehr Platz bieten. Und
so tat ich es auch. Ich antizipierte, die beiden wären lauffaul und
würden die erstbesten Plätze an der ersten offenen Tür nehmen. Und
so ging ich einfach eine Tür weiter und installierte mich dort. Und
ich behielt recht. Die beiden stiegen durch die erste Tür ein und
nahmen die erstbesten Plätze in deren Nähe ein und führten dort
ihr Gespräch fort. Laut und in kreisenden Gedanken.
Aber warum bin ich nur eine Tür weitergegangen?
Warum nicht ans andere Ende des Wagens, wo ich sicher sein konnte,
nichts von deren Gespräch, nicht einmal deren Stimmen zu hören?
Stattdessen hier, wo ich immer noch Gesprächsfetzen aufschnappte.
Welcher Teufel steckte in mir, dass ich mich selber so quälte?
Aber das war es nicht. In mir schlummert eine
gute Seele. Ich begann mich also ein wenig zu entspannen, fühlte in
mir aber eine Art Verantwortung den beiden gegenüber aufsteigen. So
als ob ich mich bereithielt, ins Gespräch einzuspringen, wenn sie
ins Stocken gerieten, sich zu sehr verhedderten oder um sie zu
verteidigen, wenn andere die beiden durch Ruherufe ungezogen zur
Raison bringen wollten. Aus der Ferne waren die beiden lustig
anzusehen. Sie alberten nicht, das war offensichtlich. Ihre
Unterhaltung war ernster Natur. Dennoch lachten sie über ihre
Missverständnisse. Die beiden waren so amüsiert von sich selbst,
dass es aus der Ferne die reinste Wonne war, ihnen bruchstückhaft zu
folgen, die sich zur Bizarrheit verzogenen Gesichter der vom Regen
erwischten, klitschnassen Insta-Queens mit ihren ehemaligen
Betonhaaren und nachgemalten Augenbrauen zu beobachten, die pikierten
Gesichter der Öko-Moms und -Dads, die sich so offen und tolerant
geben, zu inhalieren, zu genießen, wie diese beiden wie eine Insel
im Fluss vom Wasser umspült werden. Nur das Pärchen ist scharf.
Alles andere verwischt in der langen Belichtungszeit. Meine
Kopfschmerzen sind abgewandt. Ich höre, wie die beiden zur Lösung
kommen, sie kauft einfach noch ein Sixpack. Meine Geduldsübung war
erfolgreich. Ich kann jetzt nachhause gehen. Die Bahn kommt an meiner
Haltestelle an. Ich steige aus und bleibe noch so lange stehen, bis
sie wieder anfährt und winke den beiden innerlich Aufwiedersehen.