Ich wende mich ab und weiß, was ich zu tun habe. Es ist seit langem wieder soweit. Ich beginne zu schreiben …
Es ist ein Tag wie jeder andere. Fast. Heute fahre ich mal wieder mit der S-Bahn rüber nach Leipzig. Eine Rarität, die sich aus einer Mischung aus Widerwillen und Freude zusammensetzt. Überraschenderweise läuft alles glatt. Ich schaffe meine Bahn. Die Bahn fährt pünktlich ab. Auch das ist eine Rarität. Der Onlineticketkauf hat auch funktioniert. Ich hatte Netzabdeckung. Stadt. Geht noch. Alles ist gut.
Nachdem ich mich in meinem Sitz niedergelassen habe, nehme ich mein Buch zur Hand und beginne dort weiterzulesen, wo ich heute früh um fünf Uhr aufgehört habe, um noch ein paar Minuten vor dem Aufstehen zu schlummern. Nach einer Weile spüre ich eine gewisse Steifheit in meinem Nacken, eine unbewusste Verkrampfung im Schulterbereich. Zieht es wieder? Angst macht sich breit. Ich bin im Alter des Zuges angekommen. “Ich habe Zug bekommen.” ist einer meiner gefürchtetsten Sätze, da sie Ausdruck nachhaltig unüberwindbarer Schmerzen sind, die nur durch Bettruhe, die mir zwar während einer Arbeitswoche zu passe käme, aber nicht gerade heute, zu beheben sind. Ich spüre um mich und kann keinen Zug, nicht einmal den geringsten Lufthauch wahrnehmen. Nein, Zug habe ich nicht.
Unbescholten wie ich bin, beginne ich mich umzuschauen, da sich meine Erstarrung nicht lösen will, und erblicke zwei Sitze und eine Gangbreite rechts von mir entfernt einen jungen Mann, der sich wie ein Affe mit animalisch gekrümmten Fingern beidhändig, zehnfingrig den Hals auf und ab kratzt. Einen Augenblick nur – aber einen Augenblick zu lang – verharrt mein Blick bei diesem zoologischen Schauspiel, das einen tiefroten Hals und aus ihren Höhlen tretende Augen zur Kulisse hat, bis ich mich von mir selbst ertappt fühle und für meinen eigenen Geschmack viel zu schnell, hastig und kantig in mein Buch drehe. Das Buch, das ich ab jetzt nur noch sehe. Das Buch, das ich nun nicht mehr lese. Meine Augen wandern auf den Seiten von rechts nach links und dabei langsam Zeile für Zeile nach unten, ziehen dabei aber nur noch die Druckerschwärze, nicht doch die Buchstaben, Wörter und deren Bedeutung in mich hinein. Zwischendurch wandert mein Blick durch die Peripherie meiner Augen wieder nach rechts. Der Kopf bleibt starr auf das Buch gerichtet, als würde ich es lesen. Meine Augen gehören nicht mehr zu mir. Sie sind entkoppelt. Jetzt kratzt er seinen Unterarm. Seine Klauen krankhaft gekrümmt, verwinkelt, die Nägel in die Haut gepresst als wolle er seine Haut abstreifen. Hoch runter hoch runter. Der Arm wird gedreht. Jetzt ist die Unterseite dran. Hoch runter hoch runter. Armwechsel. Hoch runter hoch runter.
Mir schnürt sich die Kehle bei den Erinnerungen an die Berichte vom vermehrten Auftreten der Krätze in unseren Breitegraden zu. Ist Krätze durch die Luft übertragbar? Sitze ich wieder einmal direkt unter dem Luftschlitz der Klimaanlage, die mir sonst immer eine Lungenentzündung bereitet und habe seine Krätze schon inhaliert? Rechts abgesaugt, links ausgespuckt. Er gibt, ich nehme. Habe ich hier schon etwas angefasst? Ich gehe gedanklich meine Handgriffe beim Besetzen des Platzes durch. Ich kann mich beruhigen. Ich habe nichts außer mich selbst angefasst. Nun gut, das mag jetzt eigenartig klingen. Lassen wir das … Ich habe nichts in der Bahn angefasst, das ist was zählt.
Mein Blick wandert wieder beruhigt von letzterem Gedanken aber dennoch nervös über die Buchseiten. Mechanisch blättere ich eine Seite weiter. „Ich muss das alles wieder zurückblättern“, denke ich. „Merke Dir, wo du warst!“ Umrisse in meiner rechten Blickecke zeigen wie sich der Körper des jungen nicht ungepflegten, doch auch nicht überhygienisch aussehenden Mannes, im Sessel streckt, um die Hüfte zu heben. Das Becken nach oben. Mein Körper lehnt sich ungewollt weiter nach links. Weiter von ihm weg. Mein Kopf bildet nun bald einen Fettfleck, einen Schweißfleck an der Fensterscheibe. Seine Hand wandert unter das T-Shirt und kratzt nun die Bauchdecke. Quer. Von Flanke zu Flanke. Ich spüre nahezu, wie der Bauchnabel, durch die sich tief in die Bauchdecke grabenden Finger, aufgerissen wird und des Mannes Frühstück zutage tritt.
Ein Jucken im Nacken manifestiert sich. Jetzt auch der Rücken. Hypochonder. Da ist nichts. Das bildest Du Dir nur ein. Die letzten eineinhalb Jahre der ständigen Angstinjektion haben bei mir Wunder gewirkt und zeigen sich nun in ständiger Infektionsgefahrermittlung.
Ruckartig, nahezu krankhaft, krampfhaft fährt sein Becken wieder auf den Sitz. Er beugt sich vor. Jetzt ist der untere Rücken dran. Wäre er nicht stumm, hörte man ihn vor Erleichterung und zeitgleicher Peinigung stöhnen. Er schmeißt sich gegen die Rückenlehne. Sein Kopf reckt er gen Wagenhimmel. Fleht er zu Gott?
Meine Gedanken kreisen um Ansteckung. Niemals Bauchfrei Bahnfahren. Du kriegst die Krätze. Als Kind haben wir das gesagt, wenn wir uns aufregten, wenn etwas nicht geklappt hat. Heutzutage hat dieser Satz einen bisher ungeahnten Wahrheitsgehalt.
Ich versuche mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren. Die Zugfahrten sind die wenigen Momente, in denen ich nicht todmüde lesen und somit die Texte besser aufnehmen kann. Und tatsächlich hat mein Verstand meinem Körper klarmachen können, dass alles in Ordnung ist. Kratzen ist normal. Kratzen ist gut. Kratzen TUT gut. Ja…, wie gerne kratze ich mich. Hier und da. Auf den Rippen, unterm Fuß, zwischen den Schulterblättern. Zwischen den Schulterblättern. Erlösung. Oben und unten. Kreisförmig. In langen Bahnen. Ja, diese Erleichterung. Das Nachspüren. Die gut durchblutete Haut. Neulich habe ich von meinem Orthopäden Kratzen verschrieben bekommen. Damit soll ich meinen Tennisellbogen behandeln. Ist das nicht klasse? Kann man seinen Tennisellbogen durch Kratzen der Bauchdecke, des Rückens und des Halses behandeln? Wer weiß, was man durch Kratzen dieser Stellen alles behandeln kann. Kratzen ist jedenfalls in Ordnung, auch wenn es, wie von meinem Mitfahrer, in der Bahn durchgeführt, obszön anmutet. Ich lese. Alles gut. Meine Gedanken sind jetzt wieder beim Buch.
Ich spüre, dass rechts Ruhe eingekehrt ist. Eine unbewusste Kopfdrehung, wahrscheinlich nur eine letzte Prüfung, die mir Gewissheit verschaffen soll, dass auch wirklich alles in Ordnung ist, eröffnet mir nun den Blick in ein Geschehen, das mein soeben verspeistes Frühstück in Bewegung setzt. Aufwärts. Wie ein Bergsteiger. Langsam und qualvoll. Des jungen Mannes linke Hand wandert am vormaligen Ziel, dem Hals, vorbei zum Kopf. Stoppt auf Kinnhöhe. Ein Stückchen höher. Die Lippen öffnen sich. Der Unterkiefer wird leicht hervorgefahren. Die unteren Schneidezähne stellen sich aus wie die Krallen einer Mistgabel. Erst kommt der kleine Finger dran. Der Nagel steht hervor und die unteren Schneidezähne fahren wie ein gut geschärfter Schneeschieber darunter, um den von den Unterarmen, von der Bauchdecke, vom verschwitzten unteren Rücken, vom Hals aufgesammelten Belag zu bewegen, zu schieben, zu einem kleinen Haufen, um anschließend von den oberen Scheidezähnen in perfekt koordinierter Maschinenchoreografie in die Mundhöhle befördert zu werden. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie der Haufen nun die verschiedenen Zwischen- und Fallstationen im Inneren des Apparats durchläuft. Die Lippen schmecken nach. Der Ringfinger kommt als nächstes dran. Mittelfinger. Zeigefinger. Nun kommt die Rechte. Ein zweites Frühstück. Ich blicke zu lange hinüber, bis ich feststelle, dass, wenn ich weiter bei diesem zweifelhaften Genuss zusehe, ich selbst bald ein zweites Frühstück haben werde. Sauer. Bitter.
Ich wende mich ab und weiß, was ich zu tun habe. Es ist seit langem wieder soweit. Ich beginne zu schreiben …

