Erkenne den Schmerz und dramatisiere ihn nicht. (Grob zusammengefasste Anweisung aus einer Meditationsübung)
Gerade zu Stoßzeiten gleicht die S-Bahn einer prall gestopften Wurst, in der sich die Passagiere wie gedrehtes Fleisch im Darm zwischen Tür, Trennscheiben und Sitzen, auf Stufen und unter Gepäckablagen passgenau und unter höchster räumlicher Effizienz zu passe quellen, sodass noch ein bisschen Platz für Gewürze und Salz bleibt. Dabei reiben sie sich aneinander, als wollten sie wie Humboldt, der unentdeckte Ecken des Wissenswerten auf seinen Forschungsreisen entdecken wollte, die intimsten Ecken, der sie umfließenden Passagiere erkunden, um womöglich die eine oder die andere krankhafte Veränderung an deren Körper zu erspüren. Schließlich sind wir heutzutage alle Spezialisten. Und das auf allen Gebieten, auch der Medizin.
Glücklich der, der einen Sitzplatz ergattern kann. Nun wird es den Leser wenig überraschen, wenn ich jetzt enthülle, dass sich die folgende Begebenheit an eben einem solchen Tag unter eben solchen Umständen ereignete.
Zur Zeit des Feierabendverkehrs also stehe ich auf dem Bahnsteig. Die Menschen pressen sich hier im Angesicht der Gleise nahezu auf Tuchfühlung aneinander. Ich versuche, entgegen jeden Widerstandes und entgegen jeder Attacke anderer Reisender, meine Spitzenposition zum Haltepunkt der Waggontür zu bewahren, denn schließlich war ich es, der rechtzeitig an der Stelle des errechneten Bahneinstiegs bereitstand. Das demonstriere ich hier deutlich. Hier geht es ums blanke Überleben.
Doch plötzlich, wie aus heiterem Himmel, wie ein Sonnenstrahl, der durch eine Rotte Haufenwolken schießt, drängt ein Mann, vielleicht ein bis zwei Zentimeter kleiner als ich, auf den Bahnsteig und vermag die Menge, unter der Inangriffnahme der Fortsetzung seines Weges zu spalten, wie Moses das Rote Meer. Dieser Mann ist mir bereits des Öfteren aufgefallen. Klein. Kompakt. Sportlich. Immer ganz in schwarz. Die Arme seitlich einen kleinen Bogen beschreibend ausgestellt, als ob seine Muskeln es nicht anders zuließen. Sein Gang stets leicht bedrohlich breit, sodass man automatisch Platz macht. Machen muss. Sich dazu verpflichtet fühlt. Seine Unterhaltungsmedienohrstöpsel sind, da bin ich mir sicher, absichtlich provokant auffällig gewählt, da deren Kabel abstehen, als führten sie senkrecht in die Gehörgänge. Ein jeder weiß sofort: „Den brauchst Du nicht anzusprechen, der hört sowieso nichts“. Er sieht damit allerdings auch ein bisschen wie Dumbo der Elefant mit durchsichtigen Ohren aus. Seine Erscheinung wirkt, ungebrochen durch die irritierend lächerlichen Ohrhöhrerkabel, so als könne er seinen Walzengang ungehindert durch die Menge fortsetzen. Seine Schultern dabei ausgestellt. Alles ausgestellt.
Er kommt. „Du hast Platz zu machen.“ In mir stellt sich schon der erste Widerwille ein. Meine Gedanken kreisen darum, wie ich meinen Platz, meine noch sichere Position gegen ihn verteidigen kann. Diese impertinente Person mit ausgehöhlten Tragflächenohren wird mir hier keine Konkurrenz machen. Ich werde meinen Mann stehen.
Er stellt sich hauteng neben und leicht vor mich. Mir bleibt nichts anderes übrig, als ein klein wenig nach hinten und leicht seitlich auszuweichen. (Genaue geometrische Daten mit Winkelangaben und Lageskizzen würden den Rahmen dieser Geschichte womöglich sprengen, weswegen ich sie an dieser Stelle bewusst auslasse.) Der Kerl weiß genau, wie er seinen Platz holt. Der Niki Lauda des S-Bahnsteigs. „Da ist einer an der Spitze? Ach, da geh ich einfach hin und damit ist alles geritzt.“ Das Leben gibt ihm Recht. Meine Einstellung, all meine gerade noch gefassten Vorsätze sind hin. Wieso wirke ich so kraftlos? Schlaff. Ich entschließe mich, meine Kraftlosigkeit sofort in eine Zen-Entspanntheit zu überführen. Das verleiht meiner Psyche schnell neue Flügel. Flügel, die Dumbo der löcherohrige Elefant mit O-Armen und O-Beinen nicht hat.
Jetzt bin ich bereit für den Einsatz. Ich habe mich mental zurechtgerückt. Ich werde, auch wenn ich diesen Kampf, der eher ein Überfall auf einen Wehrlosen war, verloren habe, diese Schlacht nicht einfach so an ihn geben. Ich habe noch ein bisschen Restwürde. Ein bisschen. Restwürde.
Und da geziemt sich auch endlich die S-Bahn, in den Bahnhof einzufahren. Die Menge kommt sofort in Bewegung. Es beginnt ein unruhiges Getrappel auf der Stelle mit nur wenigen Zentimetern Bewegung und Landgewinn in verschiedene Richtungen. Es gilt, etwaigen Ungenauigkeiten beim Halten der S-Bahn, durch dynamische Positionswechsel, vorzubeugen. Wie mit dem Lineal ausgemessen, kommt die Tür perfekt an meiner alten Position, die jetzt von Dumbo in Black eingenommen ist, zum Stehen. Die Leute strömen aus der Bahn. Und kaum, dass der Letzte die Tür verlässt, schiebt sich der Mob vom Bahnsteig in den Waggon. Es scheint, als wären alle Plätze in Windeseile besetzt. Als bekomme man eine schlimme, zum sofortigen Tod führende Krankheit, wenn man keinen Sitzplatz bekäme. Durch das Gewühl entstehen Menschenstrudel. Einer dieser Strudel spült mich an eine Spitzenposition, wodurch ich, nahezu ohne mein Zutun, auf einen Platz am Gang katapultiert werde. Ei, was für ein Glückspilz ich auch bin! Der Platz neben mir am Fenster ist auch noch frei.
Ich sehe Dumbo, den Man in Black und kann seine Wut, seine Spitzenstelle zum Platzergattern verloren zu haben, gut nachvollziehen und winke, alle innerlich aufgebaute Feindseligkeit vergessen, ihm zu, dass er hier, rechts neben mir am Fenster, noch einen Platz bekommen kann. Zum ersten Mal sehe ich einen freundlichen, fast schon menschlichen Zug auf seinem Gesicht. Er lächelt mir für den Hinweis und meine Bereitwilligkeit dankend zu und kommt soeben neben mir zum Sitzen. Ein Gespräch kommt natürlich nicht zustande. Das wäre dann auch eben der eine Schritt zu viel, der die Begegnung zu etwas wirklich Ausgelassenem werden lassen könnte. Außerdem kann er ja nichts hören. Stöpsel im Gehörgang. Muss auch nicht.
Die Menge ist noch nicht zur Ruhe gekommen und es steigen immer weiter Fahrgäste ein. Der Bahnsteig scheint nicht leer werden zu wollen. Im Gang sehe ich einen großen, knorrigen Mann. Von Kopf bis Fuß in einem Ehemals-Weiß gekleidet in einem gewissen Nicht-mehr-Chic. Er stützt sich auf Krücken und wirkt auch sonst älter, so als benötige er einen Sitzplatz. Meine kombinatorische Gabe gibt mir recht. Er hat ja schließlich Krücken. Er muss sitzen. In Bruchteilen von Sekunden analysiere ich, ob bereits ein anderer Passagier bereit ist, ihm seinen Platz anzubieten. Nein. Also springe ich auf. Bedeute ihm, er könne meinen Platz neben Batman, dem gefühllosen Helden ohne Umhang, haben. Er nickt kurz und kommt auf mich zu. In einer perfekten Choreografie gleite ich aus meinem Sitz in die Senkrechte in Richtung Gang, während er sich zeitgleich an meiner linken Seite entlang in den Sitz fallen lässt. Synchron. Es wäre ein wunderbares Erlebnis, gleichend dem erhebenden Augenblick der Übergabe des Partners an den Nächsten, in einer perfekt einstudierten Tanzchoreographie, bei der man im Fluss der Schritte seinen Partner wechselt. River Dance.
Es wäre – wenn da nicht dieser atemverschlagende Hauch wäre, den ich beim Aufstehen auf Lunge genießen darf. Ich stocke und erkenne sogleich, dass ich, ohne es zu wollen, dem Batman in Black gerade eine fiese Retourkutsche verpasst habe. Der ältere bei heutiger Hitze weißwollpullovern gekleidete Mann lässt sich, mit seinem dicken Rucksack auf dem Rücken, in den Sitz fallen. Dabei rutscht er weit in den Beinbereich seines Gegenübers, stellt seine, mit drei vollen Plastikbeuteln behängten, Krücken zwischen die Beine der anderen Reisenden in der Sitzgruppe und bemüht sich keinesfalls um Platzeffizienz. Ganz im Gegenteil. Er klappt seine ausgestreckten Arme, deren Hände noch auf den stehenden Krücken ruhen, nach rechts und links aus, so dass sie wie Tragflächen eines Flugzeugs siegessicher nach außen gestellt sind, um seinen Transpirantien eine höhere olfaktorische Reichweite zu gewährleisten. Die Geste zeigt Wirkung. Er reichert nun die verbliebenen Zwischenräume der Fleisch-Fett-Füllung im S-Bahn-Darm mit Salz, Pfeffer und anderen passenden Gewürzen an, um der Wurst ihr charakteristisches Aroma zu verleihen. Nicht jede Wurst gelingt so herzhaft und facettenreich wie die heutige. Seine Achseldüfte wollen seine Körperflächenausdünstungen übertrumpfen und schwärmen eifrig aus, wie ein Bienenvolk am Morgen, auf der Suche nach dem nächsten Blütenfeld, schleichen zwischen den Leibern hindurch, umspielen Körperwölbungen, Finger, Ohren, kriechen in jede noch freie Ritze und Höhle und finden sich in den Nasenlöchern der Mitreisenden ein, um dort ihren Karneval der Gerüche zu zelebrieren, was sich durch Nasenrümpfen, Atemanhalten, verhaltenes Abwenden, hilfesuchende Blicke und dem peinlich berührten Halten der Hand vor Mund und Nase bemerkbar macht. „Ha, als ob das etwas helfen würde! Macht Euch locker! Das haltet Ihr nicht länger als dreißig Sekunden durch. Und dann schlagen sie um so heftiger zu.“
Ich stelle mich in den Gang, lehne mich seitlich an eine Rückenlehne und sehe, wie Black Dumbo mir einen Danke-auch-Blick zuwirft. Es tut mir leid. Aufrichtig. Unsere Beziehung ist schon beendet, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ich habe schon wieder alles falsch gemacht. Ich subversives Element. So werde ich niemals neue Freundschaften schließen.
Die Erinnerung an das perfekte Ineinandergreifen von Bewegung und Form von mir und dem ehemals weißen Greisen genießend akzeptiere ich mein Schicksal, wieder eine Seele verprellt zu haben und beobachte, wie mit jeder weiteren Haltestelle die Plätze um meinen Helden in Schwarz einer nach dem anderen frei werden. Er aber bleibt sitzen. Er wechselt nicht den Platz oder stellt sich gar irgendwo hin. Er hält die Stellung, denn er weiß, dass er nicht entfliehen kann und ergibt sich konsequenterweise wenigstens sitzend in sein Schicksal.
Ich betrachte stolz das von mir erschaffene Kunstwerk, ein Stillleben, eine Skulptur aus schwarz und weiß, jung und alt, sportlich und gebrechlich, gespannt und entspannt, unglücklich und glücklich, passgenau ineinander geformt. Als ob es anders nie ginge. Einander zugehörig, wie es geschrieben steht. Ich bin ein Künstler.

