Das Buch: Hier komm‘ ich – Bahnfahren und andere Zerreißproben
„… Eine schlanke Frau kommt in den Waggon gedonnert, ihr Smartphone als Schutzschild vor sich führend […] marschiert sie im Offizierschritt in die Sitzgruppe neben mir und installiert sich meinem Beobachtungsobjekt gegenüber, wobei es durch ruckartiges Zurückziehen seines Beines dasselbe in Sicherheit aber auch zur gleichen Zeit seinen Unmut zum Ausdruck bringen möchte. Man kann förmlich seine Gedanken lesen: „Was, diese vier Plätze sollen nun nicht mehr ganz allein mein sein?“ Nun gut, der Mann greift zu einer drastischen Methode, diese aufdringliche Person zu verscheuchen. Selber bereits stark Bohnentranspirat verströmend greift er in seine Manteltasche und holt einen …“
Neue Kurzgeschichten
- Yin YangErkenne den Schmerz und dramatisiere ihn nicht. (Grob zusammengefasste Anweisung aus einer Meditationsübung) Gerade zu Stoßzeiten gleicht die S-Bahn einer prall gestopften Wurst, in der sich die Passagiere wie gedrehtes Fleisch im Darm zwischen Tür, Trennscheiben und Sitzen, auf Stufen und unter Gepäckablagen passgenau und unter höchster räumlicher Effizienz zu passe quellen, sodass noch ein bisschen Platz für Gewürze und Salz bleibt. Dabei reiben sie sich aneinander, als wollten sie wie Humboldt, der unentdeckte Ecken des Wissenswerten auf seinen Forschungsreisen entdecken wollte, die intimsten Ecken, der sie umfließenden Passagiere erkunden, um womöglich die eine oder die andere krankhafte Veränderung an …
- Geduldüben„Ihre Geduld wird auf die Probe gestellt, aber Sie erreichen Ihr Ziel.“ – (weiser chinesischer Spruch aus einem Glückskeks, erhalten nach einem fulminanten Sushi-Mal (japanisch) beim Vietnamesen) Während ich hier im Bus sitze und meinem leider einfältigen mitreisenden Nachbarduo, dem ich aufgrund des Platzmangels, der Enge im öffentlichen Nahverkehr und der scheinbar gleichen Route nicht entfliehen kann, bei seinen ins Fantastische abdriftenden Rechenübungen lauschen darf, über die sie sich selbst bestens amüsieren, da sie auf immer neue Ergebnisse kommen, schweifen meine Gedanken kurz ab und denken: Geduld. Geduld. Ich übe mich seit einiger Zeit in Geduld. Eine höchst qualvolle Übung. …
- Beklommenheit im S-BahnsitzIch wende mich ab und weiß, was ich zu tun habe. Es ist seit langem wieder soweit. Ich beginne zu schreiben … Es ist ein Tag wie jeder andere. Fast. Heute fahre ich mal wieder mit der S-Bahn rüber nach Leipzig. Eine Rarität, die sich aus einer Mischung aus Widerwillen und Freude zusammensetzt. Überraschenderweise läuft alles glatt. Ich schaffe meine Bahn. Die Bahn fährt pünktlich ab. Auch das ist eine Rarität. Der Onlineticketkauf hat auch funktioniert. Ich hatte Netzabdeckung. Stadt. Geht noch. Alles ist gut. Nachdem ich mich in meinem Sitz niedergelassen habe, nehme ich mein Buch zur Hand und …
- Der FlexibilitätstestIntellektuelle Stimulation ist äußerst wichtig für die Vitalfunktionen des Gehirns. Dazu gehört auch die stete Prüfung der Flexibilität. So kam die Bahn auf die Idee, die S-Bahn, die stets von Gleis 1 fährt – oder soll ich fuhr sagen – nun vom Sondergleis 1a fahren zu lassen. Wer den Bahnhof in Halle kennt, wird wissen, wovon ich rede. Aber für alle anderen sei gesagt, er ist nicht durch einfaches Umdrehen und Zwei-Meter-Gehen auf die andere Seite der Plattform zu erreichen. Stattdessen sieht man perfiderweise über das leere eigene Gleis auf die gewünschte S-Bahn, ohne zu wissen, dass es die ist, …


